Am Río Uruguay
Zwischen Fluss und Freiheit: Abschied von Argentinien
Nach den intensiven Fahrtagen Richtung Norden war ich vor allem eins: froh, endlich wieder ein paar Tage am Stück an einem Ort bleiben zu können. Die Reise von El Bolsón bis nach Gualeguaychú hing mir noch in den Knochen, und gleichzeitig war da dieses vertraute Kribbeln – unterwegs, aber doch angekommen.
Kurzer Stopp in Gualeguaychú
In der hübschen Stadt Gualeguaychú verbrachte ich zwei Tage. Die Lage am Fluss, das Leben in den Straßen und die Atmosphäre haben mir gefallen.
Nur die Nächte waren nicht besonders ruhig, also zog es mich weiter. Ich merkte schnell: Mein Körper sehnte sich nach Schlaf, mein Kopf nach ein bisschen mehr Stille – und mein Herz nach einem Ort, an dem ich einfach ein paar Tage bleiben konnte.
Colon – Grün, ländlich, schön
Ein Stück nördlich, am Río Uruguay, fand ich in Colón genau das, was ich suchte. Eine kleinere Stadt, viel Grün, ländliche Stimmung, alles etwas ruhiger und gelassener.
Hier entdeckte ich einen offiziellen Platz, auf dem Wohnmobile ausdrücklich willkommen sind. Ich blieb vier Nächte – und hätte vermutlich noch länger bleiben können.
Es war genau diese Mischung aus Flussnähe, einfachen Strukturen und freundlicher Atmosphäre, die mich sofort abgeholt hat. Ich konnte durchatmen, ankommen, meinen eigenen Rhythmus wiederfinden.
Mit dem Camper in Argentinien: Einfach stehen bleiben
Was ich an Argentinien in dieser Zeit besonders zu schätzen gelernt habe: Es ist erstaunlich einfach, mit einem Camper unterwegs zu sein. Es gibt nur wenige Orte, an denen man sich mit seinem Fahrzeug nicht hinstellen darf.
Und wenn doch einmal ein Verbotsschild da steht, akzeptiere ich das gerne. Meistens gibt es ein Stück weiter eine andere Stelle, an der man ganz selbstverständlich stehen darf – ohne Stress, ohne Diskussion.
Die Menschen sind freundlich, neugierig und kommen schnell ins Gespräch. Auch ohne Spanisch funktioniert Kommunikation überraschend gut. Hände, Lächeln, ein paar Wörter – und schon entsteht Verbindung. Ich mag diese Mentalität. Es fühlt sich unkompliziert an, leicht, menschlich.
Eigenverantwortung statt Verbote
Was mir hier besonders auffällt: Es gibt weniger Verbote, aber dafür mehr gelebte Eigenverantwortung.
Ein Bild hat sich mir besonders eingeprägt: Eine Frau fährt mit dem Mofa vor, ihre drei Kinder sitzen mit auf dem Roller, keiner trägt einen Helm. Hier ist das normal. Man kann das aus deutscher Sicht kritisch sehen – und doch liegt die Entscheidung bei der Mutter.
In Deutschland versuchen wir, alles zu regeln. Jeder weiß es besser, jeder will den anderen maßregeln. Hier habe ich das Gefühl: Man lässt sich gegenseitig mehr in Ruhe. Es gibt mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen, selbst zu entscheiden.
Für mich fühlt sich das befreiend an. Das Miteinander wirkt leichter, weniger belehrend. Und genau das tut mir gerade unglaublich gut.
Die Uhr tickt: 90 Tage Argentinien
So sehr ich Argentinien inzwischen ins Herz geschlossen habe – meine Zeit im Land war begrenzt. Bald waren meine 90 Tage am Stück erreicht.
Ich wollte nicht bis zur letzten Minute warten. Man weiß nie, was dazwischen kommen kann: eine Panne, eine Verzögerung, Papierkram. Also beschloss ich, rechtzeitig den Sprung über die Grenze nach Uruguay zu wagen.
Letzte Nacht in Concordia
Bevor ich Argentinien verließ, legte ich noch einen Stopp in Concordia ein. Die Stadt ist groß, und schon beim Durchfahren fühlte ich mich nicht besonders wohl. Zu viel Hektik, zu viel Trubel für meinen Geschmack.
Am Stadtrand fand ich dann doch einen Platz, der sich richtig anfühlte: ein Park mit Blick auf den Río Uruguay. Hier verbrachte ich meine letzte argentinische Nacht.
Es war Sonntag, und gefühlt schien die halbe Stadt unterwegs zu sein. Menschen flanierten durch den Park, Kinder spielten, Familien genossen die Kirmes und den fantastischen Blick hinüber auf die andere Flussseite – nach Salto in Uruguay, klar erkennbar am Horizont.
Abschied von Argentinien
Am nächsten Tag war der Moment gekommen: Abschied nehmen von Argentinien – zumindest fürs Erste.
Ich fuhr über die Brücke auf die andere Seite des Flusses, über die Grenze, und alles lief völlig problemlos ab. Kein Drama, keine große Inszenierung. Und doch war es für mich ein bedeutender Moment.
Auf einmal war ich nicht nur auf der anderen Flussseite, sondern auch in einem neuen Land: Willkommen in Uruguay. Willkommen in Salto.
Ankommen in Salto
Salto ist eine Stadt, durch deren Inneres ich mit Möhre gar nicht fahren durfte – die Innenstadt ist für LKWs gesperrt. Also suchte ich mir am Rand der Stadt einen Platz.
Und natürlich wieder am Fluss.
Dort erlebte ich einen der schönsten Sonnenuntergänge: Die Sonne ging direkt über Concordia unter, jener Stadt, in der ich am Tag zuvor noch übernachtet hatte – mir war das vorher gar nicht bewusst gewesen.
Zuvor war ich durch die Stadt gelaufen, hatte eingekauft und Vorräte aufgefüllt. Lebensmittel dürfen nicht über die Grenze mitgenommen werden, also war es ein kleines „Aufessen, Aussortieren, Neuauffüllen“, bevor es weiterging.
Belén – Ein Platz, der bleibt
Mein nächstes Ziel lag etwa 120 Kilometer weiter nördlich: Belén. Eigentlich wollte ich hier nur ein paar Tage Pause machen.
Daraus wurde mehr als eine Woche.
Ich fand einen wunderbaren Platz, wieder direkt am Fluss. Mit Blick auf das Wasser, mit den schönsten Sonnenauf- und -untergängen, die man sich wünschen kann.
Und das Beste: Ich stand hier kostenlos, inklusive Strom und Wasser. Dieser Platz wird von der Stadt gepflegt und zur Verfügung gestellt. Sie freuen sich, wenn Fremde kommen und bleiben.
In Europa, vor allem in Deutschland, ist so etwas kaum vorstellbar. Dort scheint fast jeder Stellplatz monetarisiert, jeder Parkplatz reglementiert zu sein. Hier dagegen spüre ich echte Gastfreundschaft und das Vertrauen: Wer kommt, ist willkommen.
Arbeiten, Waschen, Runterkommen
Belén wurde für mich ein kleiner Zwischenhafen.
Ich arbeitete, sortierte Fotos und Notizen, schrieb, wusch meine Wäsche und ließ die letzten Wochen ein bisschen sacken. Aus den geplanten zwei, drei Tagen wurden acht.
Keiner störte sich daran. Niemand hetzte mich. Ich durfte einfach bleiben, solange es sich gut anfühlte.
Genau dieses „einfach bleiben dürfen“ macht für mich einen großen Teil der Freiheit auf Reisen aus. Kein starres Programm, kein durchgetakteter Plan, sondern die Möglichkeit, bei einem Ort, einem Gefühl, einem Sonnenuntergang einfach ein bisschen länger zu verweilen.
Zwischen zwei Ufern
So wurde dieser Abschnitt am Río Uruguay mehr als nur eine Transitstrecke von Argentinien nach Uruguay.
Es war ein leiser Abschied von einem Land, das mir mit seiner Weite, seiner Gelassenheit und seiner Eigenverantwortung sehr ans Herz gewachsen ist. Und gleichzeitig ein Ankommen in einem neuen Kapitel – auf der anderen Seite des Flusses.
Hier am Wasser, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zwischen Concordia und Belén, habe ich einmal mehr gespürt, wie gut es tut, wenn man Menschen, Orten – und sich selbst – ein bisschen mehr Raum gibt.

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.