Aus dem Windschatten hinaus

Aus dem Windschatten hinaus

Kategorie Reiseberichte Datum 18.12.2025 Autor GABI


Ich fuhr los.Weg aus dem Windschatten der Halle, die mir in den letzten Tagen so viel Schutz geboten hatte. Ein Ort auf Zeit, unscheinbar vielleicht, aber wichtig. Noch einmal durch die Stadt Río Gallegos, vorbei an vertrauten Straßenzügen, dann hinaus auf die Ruta 3, später weiter auf der Ruta 257.


Mit jedem Kilometer öffnete sich die Landschaft ein Stück mehr. Patagonien breitete sich aus – weit, leer, still. Die Steppe schien kein Ende zu nehmen, der Himmel hing tief und gleichzeitig unendlich über mir, als wäre er näher als anderswo. Ab und zu standen Alpakas am Straßenrand und blickten mir gelassen hinterher. Dann wieder Schafherden, die wie helle Tupfer durch das Grau der Landschaft zogen. Das war die Abwechslung hier draußen.


Ach ja – und die Schlaglöcher.
Sie gehörten dazu. Ich wurde besser darin, sie zu lesen, vorauszusehen, auszuweichen 😊


Irgendwann tauchte sie auf: die Grenze zu Chile.

Ich hatte vorher alle Lebensmittel aufgegessen. Chile ist streng – und das aus gutem Grund.

Dieses schmale Land schützt seine Natur wie einen Schatz. Zwischen Wüste, Gletschern, Vulkanen und Regenwald liegen empfindliche Ökosysteme, die sich über Jahrtausende entwickelt haben. Ein Apfel, ein Stück Käse oder ein wenig Erde an einem Schuh können genügen, um Bakterien oder Schädlinge einzuschleppen, die ganze Landstriche verändern oder zerstören. Deshalb ist Chile kompromisslos. Nicht aus Misstrauen – sondern aus Verantwortung gegenüber der eigenen Landschaft.


Grenzland

Zuerst Argentinien.
Alles lief ruhig, fast automatisch. Parken. Aussteigen. Papiere zusammensuchen. Anstellen.


Der Raum, in dem die Beamt:innen hinter ihren Laptops saßen, war karg und kalt. Die Wände wirkten müde, als hätten sie schon lange keinen frischen Anstrich mehr gesehen. Trostlos vielleicht – aber die Menschen dahinter waren freundlich. Trotz meiner wenigen Spanischkenntnisse verstanden wir uns irgendwie. Hände, Blicke, ein Lächeln hier und da.


Als ich vor fast zwei Monaten nach Argentinien eingereist war, hatte ich mir einen Stempel im Reisepass gewünscht. „Brauchen Sie nicht“, hieß es damals. Alles digital.
Nun suchten sie genau diesen Einreisestempel. Und fanden nichts.


Es wurde getippt, gesucht, beraten. Dann gestempelt. Mehrmals. Mein Reisepass bekam ordentlich Patina. Für Möhre gab es einen kleinen Zettel, übersät mit Stempeln. Mit diesem Minischnipsel ging ich weiter zum nächsten Schalter. Noch mehr Stempel. Eine Ausfuhrbescheinigung für Möhre. Fertig.

Chile.
Online-Registrierung wegen der Lebensmittel. Kontrolle von Möhre. Alles entspannt. Freundlich. Easy.


Und dann: Chile auf Rädern.

Aalglatte Straßen. Keine Schlaglöcher. Ich kam schnell voran – fast mühelos. Bis plötzlich ein paar Kegel auftauchten. Ende. Die Fähre war weg. „Vier Stunden“, sagte ein Mann.


Ich blieb gelassen. Vor mir das Meer. Stürmisch, mit weißen Schaumkronen, so wie man es hier kennt. Angst hatte ich keine. Sie machen das hier jeden Tag. Mehrmals. Die wissen, was sie tun.

Die Schlange wuchs. Schnell. LKW, Autos, Wohnmobile. Ich hätte nie gedacht, dass hier so viel Verkehr unterwegs ist.


Überfahrt

Irgendwann ging es weiter.
LKW wurden routiniert auf das Schiff manövriert, präzise, zügig. Dann bekam auch ich meinen Platz zugewiesen. Viele hatten gedacht, sie würden es nicht mehr auf die Fähre schaffen – weit gefehlt. Es gab wohl Probleme mit einer anderen Fähre, deshalb konnte nur etwa die Hälfte der üblichen Fahrzeuge transportiert werden.


Die Überfahrt selbst war kurz. Fast unspektakulär. Kaum hatte man sich darauf eingestellt, war sie auch schon vorbei.


Auf der anderen Seite dann kilometerlange Autoschlangen. Ich fuhr vorbei, ließ sie hinter mir und steuerte Cerro Sombrero an. Dort sollte es einen Supermarkt geben.


Es war Abend. Und ich hatte richtig Hunger.

Ich entdeckte einen Platz, um den bereits mehrere Wohnmobile standen. Mal wieder mehr Glück als Verstand. Windschatten. Häuser und kleine Hügel boten Schutz – ein kostbares Gut hier unten.


Der Supermarkt existierte nicht mehr.
Aber es gab einen winzigen Laden. So klein, dass kaum zwei Menschen hineinpassten. Ich kaufte Eier, etwas Käse, Brot, Butter, eine Tüte Chips, zwei Äpfel und zwei Zitronen. Kein Gemüse.
Der Mann hinter der Theke sprach Englisch. Ein kleines Wunder.


Zurück in Möhre kochte ich mir etwas Warmes, schrieb ein paar Zeilen in mein Tagebuch und schlief erstaunlich schnell ein.


Ein Dorf wie aus der Zeit gefallen

Am nächsten Morgen ging ich spazieren.
Cerro Sombrero wirkte surreal. Kleine Holzhütten, einfache Fenster, dahinter blickdichte Vorhänge. Drinnen musste es dunkel sein – aber sie schützen vor der Kälte.


Manche Scheiben waren zerbrochen. Statt Glas steckte Pappe in den Rahmen. Wahrscheinlich fehlte das Geld. Es wirkte ärmlich, traurig, trostlos.


Ich schrieb per WhatsApp eine Anfrage, ob ich heute oder morgen noch einen Platz für den Besuch des Parque Pingüino Rey bekommen könnte.


Und tatsächlich – ich ergatterte einen freien Slot um 16 Uhr 😊


Also fuhr ich los, Richtung Pinguine. Ich wusste, dass die letzten 15 Kilometer über eine unbefestigte Straße führen würden. Keine Ahnung, in welchem Zustand sie war.
Es stellte sich heraus: Es war eine gute Entscheidung, früh zu starten. Für die 75 Kilometer davor brauchte ich weniger Zeit als für diese letzten 15 Kilometer. Eine ganz normale patagonische Straße eben.


Und irgendwo dort draußen, hinter dieser letzten Strecke aus Schotter und Geduld, warteten sie. Die Königspinguine: Still. Wachsam. Unbeeindruckt von mir, von Möhre, von all dem Unterwegssein.


Ich wusste noch nicht, was mich erwarten würde.
Nur, dass dieser Tag einen eigenen Rhythmus hatte.
Und dass es manchmal genau diese langsamen Wege sind, die einen am tiefsten berühren.




Praktische Infos für Reisende

Grenze Argentinien – Chile

  • Chile verbietet die Einfuhr von frischen Lebensmitteln (Obst, Gemüse, Fleisch, Käse, Honig etc.)
  • Grund: Schutz der einzigartigen Ökosysteme vor eingeschleppten Krankheiten
  • Online-Registrierung (vorab oder direkt an der Grenze) erforderlich (SAG – Landwirtschaftsbehörde)


Fähre Feuerland (Chile)

  • Mehrere tägliche Überfahrten, abhängig von Wetter & Technik
  • Wartezeiten von mehreren Stunden sind normal
  • Auch große Fahrzeuge und LKW problemlos möglich


Versorgung

  • Kleine Orte wie Cerro Sombrero haben nur minimale Einkaufsmöglichkeiten
  • Frische Lebensmittel sind oft Mangelware
  • Immer mit Reserve planen


Wind

  • Windschatten ist Gold wert
  • Gebäude, Hügel oder andere Fahrzeuge gezielt nutzen
  • Schlafqualität steigt enorm
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Wo bin ich

gerade?

Aktueller Standort der Freiheitsliebe-Reise – unterwegs mit dem LKW Möhre auf großer EntdeckungstourIrgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

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