Curitiba, Regenwald und ein bisschen Chaos
Nach den gewaltigen Iguazú-Wasserfällen ging es für Dorothea und mich weiter Richtung Curitiba. Vor uns lagen Hochebenen, neue Eindrücke, ein unerwartet schöner Zwischenstopp in Cascavel – und eine Großstadt, die mich gleichzeitig begeistert und an meine fahrerischen Grenzen gebracht hat.
Brasilien hatte uns schon an den Wasserfällen gepackt. Aber je weiter wir fuhren, desto mehr hatte ich das Gefühl: Dieses Land überrascht mich an jeder Ecke.
Cascavel – Brasilien kann auch anders
Unser erster längerer Stopp war Cascavel. Zwei Tage blieben wir dort, und unsere Begeisterung für Brasilien wuchs weiter. Es war alles so anders als in Argentinien – voller, bunter, lebendiger. Vor allem das Einkaufen war für uns ein Erlebnis.
Die Auswahl in den Geschäften war gigantisch. Regale voller Produkte, die wir noch nie gesehen hatten – und einiges davon vermutlich auch in Deutschland nicht finden würden. Neue Früchte, andere Gewürze, Süßigkeiten, Getränke, riesige Abteilungen mit allem, was man sich vorstellen kann. Ich liebe es, in fremden Ländern durch Supermärkte zu laufen. Das klingt vielleicht banal, aber dort erfährt man unglaublich viel über den Alltag der Menschen. Was wird gegessen? Was ist wichtig? Was ist Luxus, was ganz selbstverständlich?
Und die Menschen hier lieben Bewegung. Das merkten wir sofort.
Wir übernachteten direkt am Parque Municipal Paulo Gorski, am großen Stadtsee von Cascavel. Der Park ist ein beliebter Ort für Spaziergänge, Sport und Freizeit – und genau das konnten wir beobachten. Schon früh waren Menschen unterwegs: Jogger, Spaziergänger, Familien, Radfahrer. Auch wir drehten unsere Runde um den Park und fühlten uns plötzlich ein bisschen wie Einheimische.
Es tat gut, nach all den Fahrten die Beine zu bewegen. Und es machte Spaß, Teil dieses ganz normalen brasilianischen Alltags zu sein. Kein touristisches Highlight. Kein Programmpunkt. Einfach ein Park, Menschen in Bewegung, warme Luft und das Gefühl: Wir sind wirklich unterwegs.
Dann ging es weiter. Über die Hochebenen von Paraná, Kilometer um Kilometer, immer weiter Richtung Curitiba.
Curitiba – und ich mittendrin
In Curitiba hatten wir am Rand der Stadt einen wunderbaren Platz gefunden. Ein großer Parkplatz, auf dem schon einige brasilianische Camper standen. Genau so ein Ort, den man unterwegs liebt: unkompliziert, sicher, freundlich – und mit anderen Reisenden, die dieselbe Art von Freiheit leben.
Eigentlich hätte die Ankunft entspannt sein können.
Eigentlich.
Denn wir machten einen Fehler: Wir kamen zur Rushhour in Curitiba an.
Unser Navi schickte uns nicht über den Ring um die Stadt herum, sondern mitten hinein. Heute weiß ich: Wir hätten unbedingt außen herum fahren sollen. Aber hinterher ist man immer schlauer.
Curitiba ist eine moderne Millionenstadt im Süden Brasiliens, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná. Sie wurde im 17. Jahrhundert gegründet und ist heute bekannt für ihre vielen Grünflächen, ihre moderne Architektur und vor allem für ihre ungewöhnlich durchdachte Stadtplanung. Schon bei der Fahrt durch die Stadt fiel uns auf, wie sauber und grün alles wirkte. Zwischen den Straßen ragten elegante Hochhäuser auf, viele davon neu und modern. Es war nicht das Bild einer lauten, grauen Großstadt, das man vielleicht erwartet.
Aber schön heißt nicht automatisch leicht zu fahren.
Die Straßen waren teilweise sechs- oder sogar achtspurig. Die Spuren waren eng. Und ich mittendrin mit Möhre – dem einzigen LKW weit und breit.
Rechts und links Autos. Vor mir Autos. Hinter mir Autos. Und dazwischen die Motorradfahrer, die sich mit einer Selbstverständlichkeit durch jede noch so kleine Lücke schoben. Sie fuhren zwischen den Autos hindurch bis ganz nach vorne an die Ampel, wo für sie eigene markierte Flächen vorgesehen waren. Sobald die Ampel auf Grün sprang, konnten sie vor allen Autos losfahren.
Ehrlich gesagt: Erst dachte ich nur Chaos.
Aber je länger ich zuschaute, desto mehr verstand ich das System. Es war ein geordnetes Chaos. Schnell, mutig, laut – aber irgendwie funktionierend. Ich durfte in diesem Moment nur eines tun: geradeaus fahren. Nicht zu weit nach links, nicht zu weit nach rechts. Einfach Möhre auf ihrer Spur halten und hoffen, dass niemand plötzlich vor mir auftaucht.
Zwei Stunden dauerte unsere Fahrt durch die Stadt.
Zwei Stunden Konzentration.
Zwei Stunden, in denen ich mich gefühlt habe, als hätte ich einen Führerschein ganz neu machen müssen.
Aber wir haben es geschafft. Ohne Unfall. Ohne Blechschaden. Und als wir endlich auf unserem Übernachtungsplatz ankamen, war ich einfach nur erleichtert.
Rodrigues und das Wunder mit den Bussen
Am selben Abend wollten wir noch in die Innenstadt fahren. Denn am nächsten Tag stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan: eine Zugfahrt durch den Regenwald nach Morretes.
Also machten wir uns mit dem Bus auf den Weg, um das System, die Haltestellen und die Umsteigemöglichkeiten kennenzulernen. Was wir nicht erwartet hatten: Wir lernten nicht nur ein Bussystem kennen, sondern auch Rodrigues.
Er sprach uns an und fragte, ob er helfen könne. Und dann tat er etwas, das mich wieder einmal tief berührt hat: Er zeigte uns seine Stadt. Einfach so.
Keine Gegenleistung. Kein Hintergedanke. Nur ein Mensch, der zwei Reisenden helfen wollte, sich in seiner Heimat zurechtzufinden. Wir fuhren gemeinsam, stiegen um, schauten uns an, wo wir am nächsten Morgen hinmussten, und bekamen ganz nebenbei einen kleinen Einblick in Curitiba aus der Sicht eines Einheimischen.
Solche Begegnungen sind für mich das Schönste am Reisen. Man kann die schönsten Orte sehen – aber erst die Menschen machen sie lebendig.
Und dann dieses Bussystem!
Curitiba gilt weltweit als eine der Städte, die den öffentlichen Nahverkehr neu gedacht haben. Bereits 1974 wurden hier die ersten Buskorridore eingerichtet – mit eigenen Spuren, großen Bussen, vorherigem Ticketkauf und Haltestellen, in die man ebenerdig einsteigen kann. Das Prinzip funktioniert fast wie eine U-Bahn, nur oberirdisch auf der Straße. Besonders auffällig sind die berühmten gläsernen Röhrenhaltestellen, die „Tubos“. Man bezahlt vorher, steigt ohne Stufen ein und die Busse können schnell weiterfahren. Dieses Bus-Rapid-Transit-System wurde später zum Vorbild für viele Städte auf der ganzen Welt.
Ich war wirklich begeistert.
Denn obwohl Curitiba so groß ist, hatte ich das Gefühl, dass man sich mit dem Bus erstaunlich gut bewegen kann. Natürlich muss man das System erst verstehen. Welche Linie fährt wohin? Wo steigt man um? Was bedeuten die Farben? Aber wenn man einmal drin ist, ist es wirklich clever gemacht.
Ich werde darüber sicher noch einmal ausführlicher schreiben. Denn ganz ehrlich: Davon könnte sich Deutschland eine große Scheibe abschneiden.
Mit dem Zug in den Regenwald
Am nächsten Morgen hieß es: früh aufstehen.
Mit dem Bus zurück in die Innenstadt, zum Bahnhof, dann mit dem Zug hinein in den Regenwald. Die Strecke von Curitiba nach Morretes führt hinunter von der Hochebene in Richtung Atlantikküste – durch die Serra do Mar und durch einen der bedeutendsten Reste des brasilianischen Atlantischen Regenwaldes, der Mata Atlântica.
Eigentlich soll diese Zugfahrt wunderschön sein. Tiefe Schluchten, dichter Wald, Berge, Brücken, Wasserfälle, kleine Siedlungen und immer wieder Ausblicke, bei denen man vermutlich den Atem anhält.
Bei uns war es leider sehr neblig.
Statt weiter Fernblicke sahen wir oft nur weiß. Nebel, Wolken, feuchte Scheiben und ab und zu ein kurzer Blick auf das, was hinter dem Grau verborgen lag. Natürlich war das schade. Aber trotzdem hatte die Fahrt etwas. Dieses langsame Gleiten durch den Wald, die feuchte Luft, die Ahnung von einer Landschaft, die sich nicht vollständig zeigen wollte.
Manchmal muss man akzeptieren, dass man nicht alles sieht.
Und trotzdem etwas erlebt.
Die Bahnstrecke zwischen Curitiba und Paranaguá wurde 1885 eröffnet und war für Paraná ein großer Schritt: Sie verband das Hochland rund um Curitiba mit der Küste und dem Hafen von Paranaguá. Heute ist gerade die Fahrt nach Morretes für viele Reisende ein Höhepunkt, weil sie mitten durch die bewaldete Serra do Mar führt.
Morretes – ein Ort, der Geschichten bewahrt
Morretes hat uns sofort fasziniert.
Das kleine Städtchen liegt am Fluss Nhundiaquara, eingerahmt von tropischem Grün und Bergen. Es ist ruhig, charmant und wirkt, als hätte es sich ein Stück Vergangenheit bewahrt. Wir spazierten durch die Straßen, schauten uns die alten Häuser an, die kleinen Plätze, die Kirchen, die bunten Fassaden und die Spuren der Kolonialzeit.
Hier war Geschichte nicht nur auf einer Tafel zu lesen. Man konnte sie spüren.
Morretes entstand im 18. Jahrhundert und spielte lange eine wichtige Rolle für die Region. Während des Goldzyklus und später besonders im Handel mit Mate-Tee war der Ort wirtschaftlich bedeutend. Reisende, Händler und Tropeiros – die damaligen Viehtreiber und Transporteure – kamen auf ihrem Weg zwischen dem Hochland und der Küste hier vorbei.
Dann kam die Eisenbahn.
Die Strecke zwischen Curitiba und Paranaguá brachte Fortschritt, veränderte aber auch vieles. Als der Verkehr ab 1885 über die Schienen lief, verlor Morretes einen Teil seiner Bedeutung als Handels- und Durchgangsort. Ausgerechnet die Bahn, die den Ort damals wirtschaftlich schwächte, bringt heute viele Besucher wieder zurück.
Wir liefen einfach los, ohne großen Plan. Genau das liebe ich. Man entdeckt eine kleine Veranda, einen alten Balkon, einen Blick auf den Fluss, ein Café, eine Kirche, eine Gasse mit Kopfsteinpflaster. Und man beginnt sich vorzustellen, wie viele Menschen hier schon entlanggelaufen sind.
Morretes war für mich kein Ort, den man abhakt.
Es war ein Ort, an dem man langsamer wird.
Warten, Stau und die Angst im Bus
Irgendwann mussten wir natürlich wieder zurück nach Curitiba.
Wir wollten mit dem Bus fahren. Eigentlich kein Problem, dachten wir. Einsteigen, zurückfahren, fertig.
Aber dann passierte auf der Strecke ein schwerer Unfall.
In beide Richtungen entstand ein gigantischer Stau. Unser Bus kam nicht. Er konnte gar nicht kommen, weil er selbst irgendwo in diesem Stau feststeckte. Wir warteten eine Stunde. Dann noch eine. Nach zwei Stunden kam schließlich ein Ersatzbus.
Und was mich wirklich beeindruckt hat: Das Team am Busbahnhof hatte die Situation unglaublich gut organisiert. Alle Menschen, die nach Curitiba wollten, wurden nach und nach untergebracht. Es kostete Zeit, natürlich. Aber die Mitarbeiter blieben ruhig. Die Fahrgäste blieben ruhig. Niemand schimpfte, niemand machte ein riesiges Drama daraus.
Viele telefonierten mit ihren Angehörigen. Andere warteten einfach. Man konnte die Situation ja nicht ändern.
Ich dachte sofort: In Deutschland wäre das wahrscheinlich anders gelaufen. Da wäre geschimpft worden, diskutiert, gefordert, beschwert. Hier hatten die Menschen eine Gelassenheit, die mich tief beeindruckt hat.
Irgendwann saßen wir dann endlich im Bus.
Und standen natürlich erst einmal wieder im Stau.
Stundenlang.
Als es endlich weiterging, hätte ich mich eigentlich freuen müssen. Aber dann merkte ich, dass unser Busfahrer offenbar einen ganz eigenen Fahrstil hatte. Oder sagen wir es so: Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass er gar nicht Bus fahren konnte.
Er fuhr schnell, hektisch, überholte, wo ich nicht überholt hätte, bremste abrupt und machte mich mit jeder Kurve nervöser, vor allem, als es bergab ging. Ich saß da und dachte nur noch: Bitte lass uns heil in Curitiba ankommen.
Ich hatte wirklich Angst.
Und als wir endlich aus diesem Bus aussteigen konnten, war ich einfach nur froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Die Stadt wartet noch
Curitiba hatte uns schon in diesen ersten Tagen überrascht: mit ihrem Verkehr, ihren breiten Straßen, ihren modernen Gebäuden, ihrem genialen Bussystem, mit Rodrigues und mit dem Gefühl, dass diese Stadt viel mehr ist als nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Regenwald.
Wir hatten sie bisher nur gestreift.
Einmal im Feierabendverkehr mit Möhre. Einmal mit dem Bus. Einmal auf dem Weg zum Bahnhof.
Aber am nächsten Tag wollten wir Curitiba wirklich kennenlernen.
Die Parks. Die Architektur. Die Menschen. Die Orte, die diese Stadt so besonders machen sollen.
Und ich kann euch jetzt schon sagen: Es lohnt sich, noch ein bisschen zu bleiben.
Davon erzähle ich euch im nächsten Beitrag.
Eure Gabi

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.