Vom Wind getragen – Unterwegs nach Punta Arenas

Die letzten Tage fühlten sich an wie ein leises Durchatmen nach einem langen Sturm. Es geht mir wieder besser, und so bin ich Stück für Stück weiter Richtung Punta Arenas gefahren – mit kleinen Stopps, unter anderem in Río Grande. Eine Stadt, die sich kaum verändert hat. Und doch war an diesem windstillen Tag alles anders: Die Menschen waren draußen, die Sonne schenkte Wärme, und auf einem Hügel sitzend sah ich den Himmel in Farben, die nur hier zu existieren scheinen.
Am Strand übernachtete ich neben anderen Campern – diese Gemeinschaft aus Fremden, die sich im Wind Schutz und Nähe geben, fühlt sich für mich immer nach Zuhause an. Der Vollmond spiegelte sich im Meer, so groß, so nah, dass ich ihn fast greifen konnte. Ich machte unzählige Fotos, aber keines spiegelte die Magie dieses Moments wider. Manche Emotionen lassen sich eben nicht einfangen – man muss sie fühlen.
Am nächsten Morgen rollte ich weiter. San Sebastián war mein Zwischenstopp – ein Platz hinter einer Werkstatt, die mir Windschutz bot. Ich lerne hier, nicht nach der schönsten Aussicht zu suchen, sondern nach Ruhe, nach Schutz. Denn der Wind ist allgegenwärtig, ein Begleiter, der fordert, aber auch Teil dieser Landschaft ist.
An der chilenischen Grenze dann ein vertrautes Ritual: Ausweise, Fragen – und am Ende Lächeln und Fotos. Oft sind es gerade die Grenzbeamten, die überrascht sind, wenn eine Frau allein mit einem alten LKW unterwegs ist. Ihr Staunen schenkt mir Freude – und ein kleines bisschen Stolz.
In Cerro Sombrero fand ich wieder diesen eigenartigen Frieden der kleinen, fast verlassenen Orte. Ich kochte Spaghetti mit Olivenöl und Chili – einfache Kost, erlaubt über die Grenze, aber genau richtig nach einem langen Tag. Neben mir eine Schweizer Familie und ein älteres Ehepaar – Begegnungen, flüchtig und doch tröstlich.
Der nächste Tag begann windstill, beinahe verheißungsvoll. Die Fähre wartete, diesmal ohne stundenlanges Warten, und als letzte an Bord wurde ich herzlich auf meinen Platz gewunken. Doch kaum auf dem Festland, begann der Sturm. Möhre, mein treues Gefährt, kämpfte tapfer gegen den Wind, der an allen Ecken pfiff. Wir redeten miteinander – ja, so verrückt das klingt, aber wenn du tausende Kilometer mit jemandem (oder etwas) teilst, entsteht so etwas wie Freundschaft.
Ein älterer Mann am Straßenrand suchte Schutz vor dem Wind. Ich hielt an, nahm ihn mit, und obwohl wir keine gemeinsame Sprache hatten, verstanden wir uns. Sein einziger Satz blieb mir: „Heute, Sturm.“ Ich hatte gedacht, das sei hier normal.
In Punta Arenas angekommen, überraschte mich die Stadt: geordnet, gepflegt, fast europäisch. Vorgärten wie in Deutschland, prachtvolle Bauten – aber auch eine gewisse Distanz. Die Herzlichkeit, die ich in Argentinien so sehr gespürt hatte, fehlte. Ich weiß nicht warum, aber mir erzählten viele Reisende das Gleiche.
Ein Blick in die Geschichte von Punta Arenas
Vielleicht wirkt Punta Arenas gerade deshalb so besonders, weil hinter dieser Ordnung eine Geschichte steckt, die alles andere als glatt war. Wenn man sie kennt, versteht man plötzlich, warum hier Paläste neben einfachen Häusern stehen und der Wind Geschichten von Gold, Schafen und fernen Ländern erzählt.
Punta Arenas wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als chilenische Siedlung an der Magellanstraße gegründet, nachdem ein früherer Standort wegen des harten Klimas aufgegeben worden war. Am Anfang war es eher ein abgelegener Außenposten, sogar Strafkolonie und Militärstützpunkt, um Chiles Anspruch auf diese strategisch so wichtige Meerenge zu sichern – weit weg von allem, was nach Komfort klang.
Später, als immer mehr Schiffe durch die Magellanstraße fuhren, wurde Punta Arenas zu einem wichtigen Versorgungs- und Handelshafen. Mit der Schifffahrt kamen Goldsucher, Kaufleute und Glücksritter, und plötzlich war diese Stadt am Ende der Welt ein kleiner, pulsierender Knotenpunkt.
Zur gleichen Zeit entdeckten Einwanderer – vor allem Briten und Kroaten – das riesige Potenzial der Schafzucht. Aus kargem Land wurden endlose Estancias, aus Schafherden wurde Reichtum, und der Wollhandel machte die Region zu einer der wohlhabendsten Ecken Patagoniens.
Wenn du heute durch Punta Arenas läufst und die prunkvollen Häuser rund um die Plaza anschaust, siehst du den Spiegel dieser Zeit. Die Villen der Wool-Barone und Kaufleute wirken fast wie kleine Paläste, oft im europäischen Stil – ein Stück alte Welt, herübergetragen ans andere Ende der Erde.
Viele der Familien, die hier Spuren hinterlassen haben, kamen aus Kroatien, Großbritannien oder Russland, und bis heute spürt man diesen Einfluss in Architektur, Kultur und Namen. Vielleicht fühlt sich die Stadt deshalb so „europäisch“ an und gleichzeitig doch fremd – eine Mischung aus Patagonien, Einwanderergeschichte und Hafenstadt.
Lange war Punta Arenas so etwas wie die südlichste Großstadt der Welt, ein wichtiger Halt der globalen Schifffahrt, bevor der Panamakanal einen Teil dieser Bedeutung abzog. Heute lebt die Stadt von Tourismus, Fischerei, Handel und ihrer Rolle als Sprungbrett in die Antarktis – ein moderner Außenposten mit einer Vergangenheit, die man in jeder Fassade erahnen kann.
Weiter Richtung Puerto Natales
Und doch schenkte mir dieser Ort etwas Schönes. Am Rande der Stadt traf ich ein junges Paar aus Bayern – bekannte Gesichter, mit denen ich schon Weihnachten gefeiert hatte. Wie klein die Welt plötzlich wird, wenn man sich am anderen Ende der Erde wieder in die Arme fällt.
Ein paar Tage später zog es mich weiter, hinaus entlang der Ruta 9. Ich fand einen Platz direkt am Meer. Der Wind war gnädig, und ich schaute aufs Wasser in der Hoffnung, Wale oder Delfine zu sehen. Sie kamen nicht, aber andere erzählten mir von ihren Sichtungen, zeigten mir stolz ihre Fotos. Vielleicht war das Schicksal – manchmal ist es schöner, einfach dazusitzen, das Meer atmen zu hören und sich daran zu erinnern, dass man genau hier, genau jetzt, richtig ist.
Jetzt bin ich in Puerto Natales angekommen, am Tor zum berühmten Nationalpark Torres del Paine. Das Wetter? Keine gute Prognose. Aber dieser Weg hierher war schon schön genug. Vielleicht ist das genau die Lektion, die mir dieser Teil der Reise schenken wollte: dass nicht das Ziel zählt, sondern jeder einzelne Atemzug dazwischen.

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.