Zwei Länder, ein Weltwunder
Es war Mitte Juli, als ich am kleinen Flughafen von Puerto Iguazú in Argentinien stand und auf meine älteste Freundin Dorothea wartete.
57 Jahre kennen wir uns inzwischen.
Wenn man diese Zahl laut ausspricht, klingt sie fast unglaublich. 57 Jahre Freundschaft. So viele gemeinsame Erinnerungen, so viele Gespräche, so viele unterschiedliche Lebensphasen. Und nun stand ich dort, am nördlichsten Zipfel Argentiniens, mit Möhre – und wartete darauf, meiner Freundin ein Stück meines neuen Lebens zu zeigen.
Mein Leben auf Rädern.
Mein Zuhause.
Meine Reise durch Südamerika.
Dass Dorothea diese weite Reise auf sich genommen hat, um mich hier zu besuchen, hat mich wirklich berührt. Gemeinsam wollten wir nicht nur Zeit miteinander verbringen, sondern auch etwas erleben, das man wohl nie wieder vergisst: die Wasserfälle von Iguazú.
Und ich kann euch schon jetzt sagen: Selbst wenn man vorher tausend Bilder gesehen hat – nichts bereitet einen wirklich auf diesen Ort vor.
Erst einmal ankommen
Wir blieben erst ein paar Tage in Puerto Iguazú, um in Ruhe anzukommen. Das Wetter spielte dabei eine große Rolle. Im Regenwald ist es warm, feucht und oft unberechenbar. Wir warteten deshalb bewusst ein paar Regentage ab, denn eines wussten wir: Nach Regen führen die Wasserfälle besonders viel Wasser.
Und genau das wollten wir erleben.
Mitte Juli ist auf der Südhalbkugel Winter. Aber wer jetzt an deutsche Wintertemperaturen denkt, liegt völlig falsch. Es war zwar nicht mehr ganz so heiß wie im südamerikanischen Sommer, aber trotzdem warm, schwül und an manchen Tagen richtig sommerlich. Die Luft war schwer vom Regenwald. Überall summte, raschelte und flatterte es.
Der Winter hat hier aber einen Vorteil: Es ist normalerweise keine absolute Hochsaison. Trotzdem waren viele Menschen unterwegs. Bei so einem Weltwunder ist das wahrscheinlich kaum zu vermeiden.
Aber Iguazú ist groß. So groß, dass man zwischendurch immer wieder stehen bleibt, tief durchatmet und sich denkt: Auf was für einer unglaublichen Erde wir eigentlich leben.
Argentinien: mitten hinein ins große Wasser
Unser erster Besuch führte uns in den Parque Nacional Iguazú auf der argentinischen Seite.
Hier läuft man nicht einfach zu einem Aussichtspunkt, macht ein Foto und fährt wieder zurück. Hier ist man mittendrin. Über Stege, Wege und Brücken geht es durch den Regenwald, vorbei an kleineren Wasserfällen, über Flussarme und immer wieder zu neuen Blicken auf die tobenden Wassermassen.
Jeder Weg war anders.
Einmal standen wir ganz oben und schauten auf das Wasser hinunter, das sich plötzlich in die Tiefe stürzte. Dann wieder liefen wir unten am Fluss entlang, hörten das Donnern schon von Weitem und sahen die Gischt zwischen den Bäumen aufsteigen.
Überall dieses Grün.
Riesige Blätter.
Lianen.
Schmetterlinge.
Vögel.
Und Tiere, die irgendwo im Gebüsch raschelten, bevor man sie überhaupt sehen konnte.
Der Regenwald lebt. Und er zeigt dir ganz deutlich: Du bist hier nur zu Besuch.
Besonders schade war, dass die berühmte Garganta del Diablo – die Teufelsschlucht – auf der argentinischen Seite geschlossen war. Nach den starken Regenfällen führte der Iguazú so viel Wasser, dass der lange Steg dorthin aus Sicherheitsgründen nicht begehbar war.
Natürlich waren wir enttäuscht. Wenn man schon einmal an diesem besonderen Ort ist, möchte man diesen berühmten Blick unbedingt erleben. Aber Sicherheit geht vor. Und bei der Kraft, mit der das Wasser an diesem Tag durch den Regenwald schoss, konnten wir gut verstehen, warum der Weg geschlossen bleiben musste.
Auch ohne diesen einen Aussichtspunkt waren wir völlig überwältigt. Es rauschte, donnerte und sprühte an jeder Ecke. Der Regenwald war so sattgrün, wie ich ihn selten erlebt habe. Und die Wasserfälle hatten nach den Regentagen eine Kraft, die fast unwirklich wirkte.
Die Guaraní, die lange vor den europäischen Eroberern in dieser Region lebten und bis heute Teil dieser Gegend sind, nannten diesen Ort „Iguazú“ – großes Wasser. Und besser kann man es wirklich nicht beschreiben. Die Wasserfälle erstrecken sich über ungefähr 2,7 Kilometer und gehören damit zu den größten Wasserfallsystemen der Welt. Argentinien und Brasilien teilen sich dieses Naturwunder – aber jede Seite erzählt eine andere Geschichte.
Grenze, Geduld und Brasilien
Nach diesem unglaublichen Erlebnis fuhren wir weiter nach Brasilien.
Für Dorothea, für Möhre und für mich war es das erste Mal in diesem riesigen Land. Natürlich war ich gespannt. Eine Grenze zu überqueren ist für mich inzwischen nichts völlig Neues mehr, aber es bleibt jedes Mal ein besonderer Moment.
Man fährt aus einem Land heraus und weiß: Hinter diesem kleinen Häuschen, hinter ein paar Stempeln beginnt eine andere Welt.
An der Grenze lief alles entspannt ab. So wie eigentlich fast immer hier in Südamerika. Man muss Geduld haben. Hektik bringt überhaupt nichts.
Der Beamte tippte mit seinem Einfingersuchsystem ganz in Ruhe alle Daten von Möhre in seine Zollpapiere.
Wir warteten.
Er tippte weiter.
Wir warteten noch ein bisschen.
Dann wurde alles von einem Kollegen nachkontrolliert.
Und irgendwann war es geschafft.
Willkommen in Brasilien.
Schon die ersten Kilometer fühlten sich anders an. Breitere Straßen. Neue Häuser. Viel Werbung. Ein ganz anderes Verkehrsgefühl. Ein anderes Land, obwohl Argentinien direkt hinter uns lag.
Wir stellten uns in den Park eines Hostels in Foz do Iguaçu, ganz in der Nähe des Eingangs zum brasilianischen Nationalpark. Das Wetter war noch nicht perfekt, also nutzten wir die Zeit, um die Stadt zu erkunden.
Und dabei lernten wir schnell das Busfahren in Brasilien kennen.
Man sucht eine Haltestelle, wartet auf die passende Linie und hebt die Hand – fast so, als wolle man per Anhalter mitgenommen werden. Dann hält der Bus. Bezahlt wird beim Einsteigen, und erst danach öffnet sich das Drehkreuz.
Einfach.
Praktisch.
Effektiv.
Für uns war es fast unglaublich günstig. Eine Fahrt kostete nur ein paar Cent umgerechnet, ganz egal, wie weit man fuhr. Und plötzlich waren wir mittendrin im brasilianischen Alltag.
Foz do Iguaçu: eine neue Welt
Foz do Iguaçu überraschte uns.
Saubere Straßen, breite Alleen, moderne Einkaufsmöglichkeiten und Supermärkte, in denen ich mich am liebsten stundenlang umgesehen hätte. Nach vielen Monaten unterwegs ist es manchmal schon verrückt, worüber man sich freuen kann.
Käse.
Joghurt.
Quark.
Mozzarella.
Obst und Gemüse, das ich noch nie gesehen hatte.
Es gab Produkte aus ganz Brasilien, aber auch vieles, das uns unglaublich vertraut vorkam. In Südbrasilien spürt man bis heute den Einfluss zahlreicher Einwandererfamilien. Im 19. Jahrhundert kamen Menschen aus deutschen Regionen, aber auch Familien aus Italien, Polen und der Ukraine in den Süden Brasiliens. Sie brachten Sprache, Handwerk, Esskultur und Traditionen mit. Die erste offiziell organisierte deutsche Einwanderergruppe kam 1824 in São Leopoldo im Süden des Landes an.
Natürlich ist Brasilien viel mehr als diese europäische Geschichte. Es ist ein riesiges, vielfältiges Land mit indigenen Wurzeln, afrikanischen Einflüssen, portugiesischer Kolonialgeschichte und unzähligen regionalen Kulturen. Aber gerade im Süden und in Teilen des Bundesstaates Paraná merkt man, wie viele unterschiedliche Geschichten hier zusammenkommen.
Und genau das liebe ich am Reisen: Man fährt über eine Grenze – und plötzlich öffnen sich wieder neue Welten.
Brasilien: der Blick auf das Ganze
Dann wurde das Wetter endlich besser.
Also ging es los zu den Wasserfällen auf brasilianischer Seite, in den Parque Nacional do Iguaçu. Schon die Anfahrt war anders organisiert als in Argentinien. Nach dem Eingang fährt man mit Shuttlebussen durch den Nationalpark. Die Fahrt geht durch den geschützten Regenwald, bevor man an den Wegen zu den Wasserfällen aussteigt.
Und dann standen wir wieder vor dem Wasser.
Aber diesmal war alles anders.
Während man auf der argentinischen Seite mitten in den Wasserfällen unterwegs ist, bekommt man in Brasilien den großen Blick. Das Panorama. Die ganze Dimension.
Erst von dieser Seite wurde uns bewusst, wie riesig dieses System eigentlich ist.
Wasser, soweit das Auge reicht.
Unzählige Fälle. Nebel. Regenwald. Und dieses tiefe Donnern, das nie aufhört. Auf der brasilianischen Seite läuft man an den Fällen entlang und blickt hinüber nach Argentinien. Immer wieder öffnet sich eine neue Perspektive. Immer wieder denkt man: Jetzt kann es nicht noch beeindruckender werden.
Und dann kommt die Brücke.
Sie führt hinaus in die Gischt, direkt in Richtung Teufelsschlucht. Endlich konnten wir sie sehen – von der brasilianischen Seite aus, von gegenüber. Dort wurde uns erst richtig bewusst, welche Dimensionen diese Wasserfälle haben.
Man steht dort, das Wasser tobt um einen herum, die Luft ist voller Nebel, und innerhalb von Sekunden ist alles nass: die Haare, die Jacke, die Kamera, die Brille.
Es war verrückt.
Es war laut.
Es war wunderschön.
Und es war einer dieser Momente, in denen man sich klein fühlt. Nicht klein im schlechten Sinn. Sondern klein vor etwas, das viel größer ist als man selbst.
Die brasilianische Seite ist für mich die Seite, auf der man die Größe der Wasserfälle begreift. Man sieht die ganze Weite, die Linien des Wassers, die grüne Wand des Regenwaldes dahinter und die unvorstellbare Kraft, mit der sich der Iguazú-Fluss in die Tiefe stürzt.
Warum solche Orte geschützt werden müssen
Ich habe an diesem Tag oft darüber nachgedacht, wie verletzlich diese Schönheit eigentlich ist.
Wir leben auf einer fantastischen Erde. Eine Erde voller Landschaften, Tiere, Pflanzen, Flüsse, Wälder und Orte, die uns sprachlos machen können. Aber wir tun oft so, als wäre all das selbstverständlich. Als gäbe es davon unendlich viel. Als könnten wir nehmen, bauen, abholzen, verschmutzen und verbrauchen, ohne dass es Folgen hat.
Aber diese Natur ist nicht unendlich.
Der Atlantische Regenwald rund um Iguazú ist nur noch ein Rest eines früher riesigen Waldgebiets. Die Nationalparks auf argentinischer und brasilianischer Seite schützen deshalb nicht nur eine schöne Kulisse für Touristinnen und Touristen. Sie bewahren Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere, darunter bedrohte Arten wie den Riesenotter, den Großen Ameisenbären und den Harpyienadler.
Wenn man dort steht, mitten in dieser Gischt, mit dem Donnern des Wassers im Ohr, dann wird einem klar: Naturschutz ist kein nettes Extra. Es ist etwas, das uns alle angeht.
Denn wenn wir solche Orte verlieren, verlieren wir nicht nur schöne Fotos.
Wir verlieren Geschichten.
Wir verlieren Lebensräume.
Und wir verlieren ein Stück von dem, was unsere Erde so besonders macht.
Zwei Seiten, ein Erlebnis
Wenn ihr mich fragt, welche Seite schöner ist, kann ich keine klare Antwort geben.
Argentinien oder Brasilien?
Beide.
Die argentinische Seite ist intensiver, näher und wilder. Dort läuft man stundenlang durch den Regenwald und erlebt die Wasserfälle aus allen Richtungen. Die brasilianische Seite schenkt einem dagegen diesen großen, fast unwirklichen Blick auf das gesamte Naturwunder.
Wer die Möglichkeit hat, sollte unbedingt beide Seiten besuchen. Sie ergänzen sich perfekt.
Für Dorothea und mich war es ein Erlebnis, das bleibt. Wir haben gelacht, gestaunt, sind nass geworden, haben unendlich viele Fotos gemacht und wahrscheinlich trotzdem nur einen kleinen Teil davon festhalten können, wie es sich wirklich angefühlt hat.
Manche Orte kann man nicht fotografieren. Man muss sie erleben.
Unsere Tipps für Iguazú
Wenn ihr die Möglichkeit habt, nehmt euch unbedingt Zeit für beide Seiten der Wasserfälle. Erst zusammen ergeben sie dieses unglaubliche Erlebnis.
Die argentinische Seite ist die Seite zum Laufen, Schauen und Eintauchen. Hier ist man mitten im Regenwald, läuft über verschiedene Wege, Stege und Brücken und sieht die Wasserfälle immer wieder aus einer neuen Perspektive. Dafür solltet ihr unbedingt einen ganzen Tag einplanen – eher mehr als weniger.
Die brasilianische Seite ist deutlich kürzer und einfacher zu laufen. Hier geht es vor allem um das große Panorama. Der klassische Weg an den Wasserfällen entlang ist ungefähr 1,5 Kilometer lang. Trotzdem sollte man sich Zeit lassen, denn es gibt viele Aussichtspunkte, an denen man einfach stehen bleiben möchte. Der Weg endet an der Brücke in Richtung Teufelsschlucht – und dort wird man, je nach Wind und Wasserstand, garantiert nass.
1) Plant für Argentinien und Brasilien am besten zwei verschiedene Tage ein. Beide Seiten an einem Tag zu schaffen, wäre für uns zu stressig gewesen.
2) Informiert euch kurz vor eurem Besuch über den Zustand der Wege. Nach starken Regenfällen oder Hochwasser können einzelne Stege aus Sicherheitsgründen geschlossen sein – so wie bei uns der Weg zur Teufelsschlucht auf der argentinischen Seite.
3) Nehmt einen Regenponcho oder eine gute Regenjacke mit. Besonders auf der brasilianischen Brücke in Richtung Teufelsschlucht kann man richtig nass werden.
4) Schützt Kamera, Handy und eventuell Ersatzakkus. Eine wasserdichte Hülle, ein Drybag oder wenigstens ein Zip-Beutel sind sehr hilfreich.
5) Zieht bequeme, feste Schuhe an. In Argentinien sind die Wege länger; bei Nässe können einzelne Abschnitte rutschig sein.
6) Packt Sonnencreme, Mückenschutz und genug Wasser ein. Auch im südamerikanischen Winter kann es im Regenwald warm, schwül und sehr sonnig sein.
7) Startet möglichst früh. Dann ist es ruhiger, angenehmer zu laufen und ihr habt wirklich Zeit, die Wege ohne Stress zu genießen.
8) Lasst euch von den Nasenbären nicht verführen. Sie sind niedlich, aber auch sehr geschickt darin, an Essen zu kommen. Nicht füttern und Lebensmittel nicht offen tragen.
9) Wenn ihr mit dem Wohnmobil oder LKW unterwegs seid: Prüft vorher Parkmöglichkeiten und Zufahrten. Mit Möhre war das Hostel in Foz do Iguaçu für uns eine gute Lösung, weil wir von dort aus entspannt mit dem Bus unterwegs sein konnten.
Und nach diesem unglaublichen Abenteuer ging unsere Reise weiter durch Brasilien.
Neue Straßen.
Neue Begegnungen.
Neue Geschichten.
Aber davon erzähle ich euch im nächsten Beitrag.
Denn eines kann ich schon verraten: Brasilien hatte noch einiges für uns vorbereitet.
Eure Gabi

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.